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Mindestens 320 Menschen starben bis 1989 an der Grenze zur Tschechoslowakei. Der Magdeburger Hartmut Tautz ist einer von ihnen. Für eine neue Ausstellung in der Gedenkstätte am Moritzplatz ist seine Schwester in die Stadt zurückgekehrt. MDR SACHSEN-ANHALT hat sie bei ihrem Besuch begleitet.

Es ist keine einfache Reise, die Carola Tautz antritt. Auf den Monat genau vor 31 Jahren verlor sie ihren Bruder Hartmut, mit dem sie gemeinsam in Magdeburg aufwuchs. Die Flucht aus der DDR in den Westen bezahlte Hartmut mit dem Leben. Für die neue Ausstellung "Überwindung der Todesmauer" ist Carola Tautz zurück nach Magdeburg gereist. "Vor allem weil ich meinem Bruder verpflichtet bin", sagt sie MDR SACHSEN-ANHALT.

Damals, an einem Sommerabend 1986, stand ihr Bruder Hartmut Tautz an der tschechoslowakischen Grenze zu Österreich. Es ist 22:16 Uhr, als in der Kompanie der Grenzalarm ausgelöst wird. Die Grenzer lassen zwei große Schäferhunde frei. Der junge Hartmut, gerade einmal 19 Jahre alt, rennt um sein Leben. 22 Meter vor der Grenze in den Westen holen ihn die Hunde ein, reißen ihn zu Boden und verletzen ihn schwer. Weil die eintreffenden Grenzer keine Erste Hilfe leisten und er viel zu spät in das Militärkrankenhaus in Bratislava eingeliefert wird, stirbt er in der Nacht zum 9. August.

Viele Fälle ungeklärt

In Erinnerung an Hartmut und die anderen Grenzopfer wurde am Montag in Magdeburg die Ausstellung "Überwindung der Todesmauer" eröffnet. Sie gastiert bis 17. September 2017 in der Gedenkstätte am Moritzplatz. Hier, in der früheren Untersuchungshaftanstalt der Stasi, wurden politische Gefangene bis zu ihrer Verurteilung festgehalten. Die Schau zeigt eindrücklich: Das Schicksal des jungen Magdeburgers war kein Einzelfall. Mindestens 320 Menschen starben bei ihrem Fluchtversuch über die tschechoslowakischen Grenze in den Westen. Bis heute sind viele Fälle ungeklärt. Die Dunkelziffer ist hoch.

Auf den ersten Blick erinnert in Tautz’ alter Heimatstadt nur noch wenig an sein Schicksal. Eine Gedenktafel existiert nicht. Auf einem Magdeburger Friedhof lag er einst begraben. Carola Tautz möchte die Gelegenheit ihres Besuchs nutzen, um nach dem ehemaligen Grab ihres Bruders zu suchen. Lange Zeit hatte sie dafür keine Kraft, denn noch immer sitzt der Schmerz über den Verlust tief.

Nach einem kurzen Spaziergang durch den Friedhofspark erkennt sie die Stelle wieder. Ein alter Baum, der bereits bei der Beerdigung vor 31 Jahren stand, hilft bei der Orientierung. Für Carola Tautz ein emotionaler Moment. "Zum einen wird das ganze aufgelöst hier und die Gräber sind verschwunden", sagt Carola Tautz sichtlich bewegt. "Aber andererseits habe ich das Gefühl, dass ich in diesem Moment ganz intensiv mit meinem Bruder verbunden bin."

Niemand wurde zur Verantwortung gezogen

Auch 31 Jahre nach dem Tod von Hartmut Tautz wurde niemand zur Verantwortung gezogen. Die Grenzer von damals leben und arbeiten ungestraft im heutigen Tschechien und der Slowakei. Carola Tautz geht nicht davon aus, dass sich freiwillig jemand meldet und eingesteht, dass die Taten damals nicht rechtens waren. "Ich glaube von dieser Seite kann man das nicht erwarten“, sagt Carola Tautz. "Umso wichtiger und tröstlicher ist es, dass man immer wieder Menschen findet, die sagen: Achtung, hier ist etwas passiert, dass einfach ungerecht war und dass man demjenigen, der da zu Tode kam, Respekt zollt."

Bei der Ausstellungseröffnung in der Magdeburger Gedenkstätte am Moritzplatz soll genau das versucht werden. Im Lichthof der ehemaligen U-Haftanstalt haben sich Politiker und Funktionsträger aus Sachsen-Anhalt versammelt, auch einige Besucher sind gekommen. Sogar der tschechische Botschafter, Tomáš Podivínský, ist nach Magdeburg gereist.

Nachdem Kränze niedergelegt wurden, wird es für einen Moment ganz still. In einer Schweigeminute wird an die Opfer an der Berliner Mauer und am Eisernen Vorhang gedacht. Man ahnt in dem Moment, was Carola Tautz mit "Respekt zollen" meint.

Anschließend bewegen sich die Teilnehmer in den Ausstellungsraum, in dem die neuen Informationstafeln angebracht sind. Mehr als zehn Wände erzählen von mutigen und tragischen Fluchtversuchen entlang der ehemaligen tschechoslowakischen Grenze, die häufig tödlich endeten. Für Botschafter Podivínský ist die Ausstellung deshalb wichtig, weil sie eine klare Botschaft an die kommenden Generationen habe. "Nämlich, dass die Freiheit etwas Wertvolles und keine Selbstverständlichkeit ist“, sagt er MDR SACHSEN-ANHALT. "Sie muss immer wieder neu erkämpft werden."

Gäste zeigen sich bewegt

Auch Besucher aus dem Publikum der Ausstellung zeigen sich tief bewegt. „Mir war gar nicht bewusst, dass an der tschechoslowakischen Grenze auch gezielt auf Menschen abgerichtete Hunde eingesetzt wurden", ist Besucher Guido Kahler schockiert. Dass man Hartmut damals keine Erste Hilfe leistete, sei besonders grauenvoll gewesen. Auch Barbara Bumbke aus Magdeburg ist bewegt. Viel zu lange sei die Familie mit dem Schmerz alleine gelassen worden. Es sei gut, dass der Fall nun in der Öffentlichkeit verhandelt werde.

Nach ihrem Besuch reist Carola Tautz mit guten Gefühlen aus Magdeburg ab. Sie wünsche sich, dass viele Menschen die Ausstellung sehen, insbesondere junge. Es wäre schön, wenn sie über ihr eigenes Leben und die Möglichkeiten in Freiheit zu leben und in einer Demokratie aufzuwachsen nachdenken. Denn das sei nicht selbstverständlich. "Dann habe ich das Gefühl, dass mein Bruder nicht umsonst gestorben ist", sagt Carola Tautz.

Einen ersten Teilerfolg hat sie bereits erreicht. Im März wurde ihr Bruder Hartmut von einem slowakischen Gericht vollständig rehabilitiert. Hartmut Tautz ist damit das erste anerkannte Opfer an der ehemaligen tschechoslowakischen Grenze. 27 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist das für seine Schwester eine späte Genugtuung.

Zdroj: www.mdr.de.